HERBSTTAGE

Nun lass den Sommer gehen.
Lass Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein…
Wie könnt ich traurig sein?

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Der Igel

Ein Igel, schau, er tänzelt durch bunte Blätter.
Und dort, eine Wespe surrt in einer Birne.
Der Herbst ist ein großer Retter,
bringt er doch Nahrung für Mensch und Tier.
Und sieh das Licht wie’s blumenschön
sich durch die gelben Bäume föhnt.

© Milena A.L.

Herbst

Nun stehen die Tage grau, lässig, still,
weil es herbsten will.
Der Sommer wird arm.
Doch ich trage junge Violen im Haar
und Maienstrahlen eine goldhelle Schar
und die Sonne im Arm
.
Max Dauthendey (1867-1918)

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
noch träumen Wald und Wiesen;
bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
den blauen Himmel unverstellt,
herbstkräftig die gedämpfte Welt
in warmem Golde fließen.

Eduard Mörike (1804 – 1875)

Herbsttag

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.

Christian Friedrich Hebbel (1813-1863)

Herbstfarben

Ich lieb‘ den Herbst mit seinem Licht,
er spielt mit Farben und verspricht,
dass alles immer wieder neu entstehe
und nichts sich vergebens im Kreise drehe.
Was auch so golden in den Himmel steigt,
und uns den rechten Weg zeigt,
in diesem Licht lässt sich gut wohnen,
Bestreben wird sich irgendwann doch lohnen.

© Jo M. Wysser

Herbstgedicht

Der Nebel steigt, es fällt das Laub.
Schenk ein, den Wein, den holden.
Wir wollen uns den grauen Tag vergolden,
ja vergolden!
Und wimmert auch einmal das Herz, 
stoß an uns lass es klingen!
Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
ist gar nicht umzubringen.
Wohl ist es Herbst, doch warte nur,
doch warte nur ein Weilchen!
Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
es steht die Welt in Veilchen.

Theodor Storm (1817-1888)

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Herbstabend

Herbstabende voll weicher Helligkeit
mit ihrem rührend rätselhaften Zauber…
Ein alter Glanz, der Bäume buntes Kleid,
purpurner Blätter matt und leicht Geplauder;
Die Bläue ist so neblig, still und kühl,
worunter die verwaiste Erde trauert
und – wie der nahen Stürme Vorgefühl,
bisweil ein Windstoß jäh, der uns durchschauert;
Erschöpfung, Niedergang, doch überall.
Das Lächeln sanft des Welkens und des Scheidens,
das wir in des Verstandes Widerhall
erkannt als die erhabne Schau des Leidens.

Fjodor Iwanowitsch Tjuttschew (1803-1873)

Herbstliche Liebe

Meine Seele spinnt dich ein;
schimmernde Marienfäden
sollen ihre Häscher sein.
Ihre Schlingen fühlst du kaum.
Eine rote Märtyrkrone
brech ich dir vom Eschenbaum.
Deine Stirne küß ich bleich –
und so führ ich dich gefangen
mitten durch mein Schattenreich.
Du wirst ganz mein eigen sein,
wirst verbluten und verblühen –
meine Seele spinnt dich ein.

Clara Müller-Jahnke (1861-1905)

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.
Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.
Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter,
wie schön sich Bild an Bildchen reiht.
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Gedicht: Georg Trakl (1887-1914)

Herbsttag

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein,
gib Ihnen noch zwei südlichere Tage
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr,
wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird auf den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke(1875-1926)

Herbst

Träume nur, Seele …In den verdämmernden Herbsttag hinein
zauberst du lachenden Sonnenschein
und aus der Blätter vergilbendem Flor
blühen dir duftige Veilchen empor,
träumende Seele.
Tönt denn der Glocken dumpfhallender Klang
dir wie ein schmetternder Lerchengesang?
Siehst du der Erde verweintes Gesicht,
fühlst du die eisigen Nebel denn nicht,
träumende Seele? –
Träume nur, träume … der Frühling ist weit;
Rosen hat’s nimmer im Winter geschneit
dumpf nur und klagend, verweht vom Nordwest,
läuten die Glocken zum Totenfest. Träume nur, Seele …

Gedicht: Clara Müller-Jahnke (1861-1905)

Herbsttage

Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
Wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.
Von hinnen geht die stille Reise,
die Zeit der Liebe ist verklungen,
die Vögel haben ausgesungen
und dürre Blätter sinken leise.
Die Vögel zogen nach dem Süden,
aus dem Verfall des Laubes tauchen
die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen.
Die Blätter fallen stets, die müden,
in dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir als hör‘ ich Kunde wehen
dass alles Sterben und Vergehen
nur heimlich still vergnügtes Tauschen.

 Gedicht: Lenau, Nikolaus (1802-1850)